Friday, March 16, 2007

Mikrokosmos Südafrika

Willkommen in einer scheinbar kleinen Welt inmitten eines riesigen Universums!

Ungefähr so fühlte ich mich als ich vor kanpp zwei Monaten nach Kapstadt kam bzw. genauer nach Bellville. Man merkt sehr schnell das Kapstadt nicht gleich Kapstadt ist. Das man keine Homogenität in der Struktur der Stadt, in der Gesellschaft und des täglichen Lebens finden wird. Man wandelt zwischen scheinbar kleinen Welten, die sich später jedoch als riesig entpuppen.

Der Welt um Bellville ist größer als man denkt. Die Menschen die hier leben gehören zu der Majorität des Landes. Die Lebensweise die man hier erfährt scheint die flächendeckenste in Südafrika zu sein. Im Kontrast dazu stehen die wunderschönen Vororte und Stadtteile von Kapstadt, sie scheinen riesig zu sein, monströs und impulsant. Diese jedoch sind im Vergleich zum Rest des Landes flächenmäßig eher klein und die Menschen die in ihnen wohnen gehören zur absoluten ethnischen Minderheit des Landes.

Südafrika nennt sich selbst Regenbogennation. Eine Vielfalt aus Menschen unterschiedlicher ethnischer Gruppen, vereint auf einer geografischen Fläche. Sie alle sind mit einander verbunden, sind verknüpft und geben erst in ihrer Gemeinsamkeit einen Regenbogen. Betrachte ich einen Regenbogen in Natura so scheinen die Farben in ihm ineinander überzulaufen, sich zu vermischen und zu vereinen. Schaue ich jedoch auf das Bild eines Kindes welches einen Regenbogen malt, so sind die Farben häufig klar von einander getrennt, sie laufen parallel nebeneinander her. Berühren sich höchstens an den äußersten Stellen, doch vereinen sich nie. Beide zeigen dasselbe Bild, doch ihre Bedeutung und ihre Implikationen sind so verschieden wie es anderes nicht geht.

Ich frage mich, welche Art von Regenbogen hier in Südafrika existiert? Wenn ich mich in Kapstadt, Bellville oder Stellenbosch umschaue so muss ich leider feststellen, das wohl eher das kindliche Bild als geeignete Beschreibung dient. Zu häufig hatte ich das Gefühl das Leben, Aktivitäten, Bildung und Gesellschaft nur vereinzelt und in seltenen Fällen vermischt sind. Es existieren Parallelwelten in denen man sich hier bewegt. Im täglichen Leben so scheint mir, wird jedem und jeder Gruppe Respekt erwiesen, doch verbunden so sehe ich, fühlt man sich noch nicht.

Woran liegt das, frage ich mich? Vielleicht lässt sich die Frage ganz einfach beantworten wenn ich meine eigene Person betrachte. Ich lebe in einem Vorort mit einer Mehrheit an farbigen Menschen bzw. Kapmischlingen wie sie hier genannt werden. Ich gehe auf eine Universität, welche zu 90% von schwarzen und farbigen Studenten besucht wird. Ich bewege mich täglich in einer Welt in der mein Kontakt zu weißen Menschen auf die anderen internationalen Studenten beschränkt ist. Bewege ich mich in ihr, so hab ich das Gefühl dass ich dies frei tun kann und akzeptiert werde, jedoch und das finde ich merkwürdig, ist mein Gefühl nicht ganz rein. Ich merke, dass ich mich in einer Welt aufhalte die ich nicht gewohnt bin, die ich nicht kenne. Ich spüre es wenn ich mich mit anderen Studenten unterhalte, wenn ich anfange von meinem Leben zu erzählen, was ich mache, welche Interessen ich hege oder einfach nur welchen Vorlieben ich am Wochenende nachgehe.
Das sind Momente wo ich merke, dass erhebliche Unterschiede zwischen mir und dem Studenten aus Südafrika, Tanzania, Cameroon, Namibia, Mozambique oder Sambia existieren. Das man nicht annähernd dasselbe Leben führt bzw. einen ähnlichen Kulturkreis hat. Es ist für mich äußerst interessant in die Welt dieser Menschen einzutauchen, ihre Kultur und ihr Leben kennen zulernen, doch je mehr ich dies tue umso mehr stelle ich fest wie unterschiedlich doch das Leben ist.

Ganz intensiv wird dann dieses Gefühl wenn ich mich in Kreisen bewege die mir vielmehr vertraut sind. Mich in Gegenden aufhalte die von Menschen dominiert sind, die meinem Kulturkreis ähneln. Dies sind und da kann ich einfach nicht aus meiner Haut, die Gegenden der weißen Minderheit hier in Südafrika.

Ich genieße es zum Beispiel am Sonntag mit meinem Auto durch die Weinlandschaften im Hinterland von Kapstadt zu fahren und mir jene Orte anzuschauen, welche einem kleinen Dorf in Europa ähneln. Natürlich wohnen dort hauptsächlich nur Weiße und schwarze bzw. farbige Bewohner trifft man eher am Straßenrand, die für ein kleines Trinkgeld auf dein Auto aufpassen. Dieser Kontrast ist dann krass. Obwohl ich ihn genau bemerke, versuche ich ihn jedoch für einen kurzen Moment auszublenden, um durch die Straßen zu schlendern und es zu genießen bekanntes zu erleben.
Dann komme ich wieder zurück nach Bellville und an die Uni und merke, dass das was ich tags zuvor erlebt habe eine scheinbar große, aber wiederum doch nur eine ganz ganz kleine Welt im Mirkokosmos Südafrika ist. Das die Realität der überwiegenden Bevölkerung anderes aussieht. Das es nicht das Leben von Weinlandschaften, Restaurants und schönen Dörfern ist, sonder vielmehr der Gedanke an die Bezahlung der Studiengebühren, an einen guten Abschluss und einen festen Arbeitsplatz im Anschluss. Der Wunsch nach Luxusgütern aus unserer Welt ist für sie enorm, doch der Weg dort hin um einiges steiniger als für uns. Für diejenigen, für die viele Wege schon vorweg geebnet sind und nicht erst geglättet werden müssen.

Ich liebe die Art der Menschen die mich hier an der Uni umgeben, ich schätze die Gespräche welche ich mit ihnen habe und die Erfahrungen die ich mit Ihnen teilen darf. Doch ich komme aus einer anderen Kultur und fühle mich zu ihr auf lange Sicht hingezogen. In Südafrika so scheint es mir, kann ich mir vorerst nicht vorstellen auf die Dauer zu leben. Zu häufig wäre ich dann gezwungen die große dunkle Seite dieses Landes auszublenden und dazu bin ich nicht bereit!

Euer Sebastian

Monday, March 12, 2007

Die Form kommt mit der Tour

Vor ein paar Jahren, kurz vor Beginn der Tour de France, hatte Jan Ullrich einmal auf die Frage hin ob er nicht zu viele Kilos auf den Rippen hätte und überhaupt richtig in Form sei, geantwortet: Die Form kommt mit der Tour!
Ich fand diesen Spruch schon immer super und habe ihn auch bei jeder Gelegenheit kundgetan. Dieses Wochenende jedoch traf er unweigerlich perfekt auf mich selber zu. Kapstadt veranstaltet einmal im März, um genau zu sein letzten Sonntag, das größte Radrennen der Welt. The Cape Argus Pick’n Pay Cycle Tour. Als Randnotiz nur schnell: Cape Argus ist eine der größten Tageszeitungen hier und Pick’n Pay eine Supermarktkette.
Unüberbotene 38.000 Fahrradfahrer machen sich auf den Weg die exakt 109 Kilometer durch das Kap der Guten Hoffnungen zu bewältigen. Die Strecke führt von der Innenstadt über die Autobahn an den Indischen Ozean und von dort aus immer entlang am Rand des Kaps durch traumhaftschöne kleine verschlafene Ort an den Hängen der Kapberge und vorbei an Pinguinkolonien. Dann jedoch geht es landeinwärts über die ersten Berge hinüber auf die Atlantikseite, wo drei steile Anstiege und ein paar rasante Abfahrten auf den begeisterten Fahrradfahrer warten.

Ich hatte schon vor meinem Abflug von dem Rennen gehört, doch da die Veranstaltung so beliebt ist und sämtliche Plätze innerhalb von 19 Tagen vergeben waren, habe ich mich nicht weiter darum gekuemmert. Glücklicherweise habe ich zufällig dann doch der Homepage einen Besuch abgestattet und festgestellt, dass sich internationale Fahrer noch bis kurz vor dem Rennen anmelden duerfen. Dies hieß dann ja wohl ganz klar Bleistift gespitzt, Anmeldung abgeschickt und nach 7 Monaten mal wieder auf das Rad gesetzt. Dummerweise kam ich leider aufgrund von Erkältung und schlechtem Wetter nur zu einem einzigen Austritt über 60 Kilometer, so dass mein Motto hieß: Die Form kommt mit der Tour.

Um ehrlich zu sein hatte ich wahnsinnige Lust auf das Rennen, aber auch ein bisschen Muffensausen, denn ich bin die Strecke einige Wochen zuvor mit dem Auto abgefahren und wusste was mich da erwartet. Mit dem Vorsatz es ruhig angehen zu lassen und möglichst viele Verpflegungsstationen mitzunehmen habe ich mich dann am Sonntag um 5.30 aus dem Bett gequält und bin an den Start gegangen. Wer mich kennt weiß vermutlich schon was jetzt kommt: Die Vorsätze haben natürlich nicht lange gehalten. Als nach zwei Kilometern die ersten Jungs an mir vorbei flogen, konnte ich nicht widerstehen und bin hinterher. Aus den Jungs bildete sich eine Gruppe von ca. 6-10 Leuten und die hatte es in sich. Mit einem ordentlichen Schnitt sind wir dann die Autobahn runter und haben die Massen an anfeuernden Zuschauern an uns vorbei flitzen sehen. Unglaublich...
Das ganze Spielchen ging auch noch in den ersten Bergen ganz gut und ich konnte immerhin 70 Kilometer mithalten, doch dann hat es mir urplötzlich ganz kräftig die Schuhe ausgezogen. Die nächste und bis dahin erste Verpflegungsstation für mich, war zum Glück in greifbarer Nähe und die angrenzende Wiese auch gleich für mich reserviert. Nach kurzer Verschnaufpause und einigen Litern Powerrade ging es dann wieder und ich konnte mich an die eigentlichen Anstiege machen. Entweder war es mein Wasser oder schlechtes Essen was mich zum pausieren zwang, auf jeden Fall kam die Form wieder zurück und ich hatte meinen Spaß an den Bergen. Nach 109 Kilometer, Unmengen an Zuschauern, Straßenpartys an der Seite mit Kind und Kegel, Gogo-Tänzerin und diversen anderen Amüsements lag meine erste Cycle Tour nach knapp 4 Stunden hinter mir und ich war unendlich glücklich.

Mein Fazit: Ein unbedingtes Muss für jedermann wenn er im März in Kapstadt ist. Es macht vielleicht so gar noch ein bisschen mehr Spaß wenn man es wirklich ruhig angehen lässt. Dann hat man die Chance viele unglaublich lustige und interessante Menschen zu treffen, sich unterwegs massieren zu lassen und die sagenhaft schöne Landschaft zu genießen. Da ich dies vermutlich nie in meinem Leben schaffen bzw. durchhalten werde, klage ich an dieser Stelle auch nicht über meinen jetzigen Muskelkater.

Euer „Freizeit-Ulle“,

Seb

P.S.: Haette ich ja fast vergessen, der richtig "Ulle" ist ueberings auch mitgefahren. Er ist ein paar Gruppen vor mir gestartet, doch auch ohne seine Wunderpillen hatte ich keine Chance.



Kurz vor dem Start. Allein in meiner Startgruppe befanden sich ueber 800 Fahrer.

Ein paar Bilder

Der Blick auf die Students Hall auf dem Campus der University of the Western Cape.



Der Platz ist Treffpunkt fuer viele Studenten. Man kann sicher gehen, dass man dort immer jemanden zum Kaffetrinken findet!


AIDS Prevention wird gross geschrieben an der Uni. In jeder Toilette haengen diese Behaelter mit Kondome. Abseits davon kann man sich auch jederzeit auf AIDS/HIV testen lassen. Der Slogan lautet: Know your status!


Der Blick von Waterfront auf den hinter der Innenstadt liegenden Tafelberg.