Wednesday, April 18, 2007

Der Campus – ein laufendes Erlebnis

Wir befinden uns auf dem Gelände der University of the Western Cape.

Es ist ein herrlicher Herbsttag in Kapstadt. Die Sonne schien wieder den ganzen Tag hindurch und die Temperaturen liegen auch am späten Nachmittag noch bei knapp über 20 Grad. Der junge Läufer steht vor einem halbrunden Schlauch aus Wellblech der den universitätseigenen Swimming Pool mit olympischen Dimensionen überdacht. Er schaut noch einmal auf seine Schuhe, prüft ob auch alles richtig verschnürt und fest sitzt, dann lächelt er in sich hinein und erfreut sich daran das er auch noch in solch einer Jahreszeit mit T-Shirt und kurzer Laufhose trainieren kann. Ein erster Blick auf die Pulsuhr bestätigt ihm eine gute Tagesform und lässt ihn langsam einrollen.

Seine Laufhose, mit ultra hohen Beinausschnitt für mehr Bewegungsfreiheit beim laufen, stößt auf kichern und lächeln bei dem einheimischen weiblichen Publikum. Gern dreht sich die ein oder andere aber auch so manch einmal der ein oder andere nach dem Läufer um. Dies alles bemerkt jener jedoch nur am Rande, denn schon naht der erste Anstieg. Einer von scheinbar tausenden von Geschwindigkeitsbegrenzungshügeln liegt vor ihm. Zu so früher Stunde ist dies noch eine leichte Übung, denn mit einem gekonnten Schritt kann das Hindernis spielend überwunden werden. Vorbei an den ersten Tennisplätzen und Residenzen kehrt er ein auf den Außenring des Campus. Wieder fällt der Blick auf die Uhr – schnell die Zeit gemerkt und Puls kontrolliert. Alles soweit im grünen Bereich.

Die Strasse führt vorbei an einer kleinen Kolonie von Tannen die den Duft eines ganzen Waldes versprühen. Mit diesem in der Nase und der Sonne im Gesicht schweifen die Gedanken dahin und der Läufer merkt erst Sekunden später das er mittlerweile rechts abgebogen ist und sich nun auf Höhe der Faculty of Education befindet. Dieser `60er Jahre Flachbau mit seinen für die Universität typischen braun-roten Backsteinen passt sich wunderbar ein in das Bild der ihn umgebenen Gebäude. Jene Gebäude, welche mit dem Zweck der Etablierung einer farbigen Mittelschicht durch das Apartheid-Regime errichtet wurden, um die weisse Regierung zu stärken und die Abgrenzung zwischen schwarz, indisch und farbig noch genauer hervor zu heben.

Schlicht, praktisch und immer gepflegt, so denkt sich der Läufer als er an ihr vorüber zieht. Doch es bleibt nicht viel Zeit über die politisch motivierten architektonischen Errungenschaften der 1960er Jahre in den Cape Flats von Kapstadt nachzudenken, denn schon wieder nahen zwei Geschwindigkeitsbegrenzungshügel, welche mit ein wenig Rücksicht auf die zu den Minibussen pilgernden Massen an Fußgängern einwandfrei gemeistert werden können. Dieses scheinbar für Afrika typische Fortbewegungsmittel ist auch in Südafrika das Rückgrat des öffentlichen Verkehrssystems und wird überwiegend von der ärmeren Bevölkerungsschicht benutzt.

Doch die Straße führt den Läufer geradewegs Richtung Haupteingang der Universität und mahnt ihn Schritt für Schritt mehr Vorsicht an den Tag zu legen. Ein erhöhtes Verkehrsaufkommen sowie die unübertreffliche Rücksichtslosigkeit der Autofahrer gegenüber allem was nicht annähernd ihres gleichen entspricht lässt ein schwelgen in Gedanken nicht mehr zu. Abgase, der immer noch mit verbleitem Benzin fahrenden Autos verpesten die Luft und nötigen den Läufer die Geschwindigkeit zu erhöhen. Vorbei fliegt er an der gelblich-grauen Economics and Management Science Fakultät, dem Haupteingang mit seiner Studentshall und den prächtigen Säulen sowie an den Studenten, welche am Rand der Strasse auf ihre Reisebusse und Mitfahrgelegenheiten warten, die sie in die Außenresidenzen der Universität chauffieren. Gerade kann der Läufer noch einem Auto ausweichen, welches noch schnell vor ihm rechts abbiegen muss und dabei nur um haaresbreite seine Füße verfehlt.

Mit einem schockierenden Blick auf die Pulsuhr geht es nun weiter auf weichem Sandboden Richtung S-Bahnhof. Dabei lässt er es sich jedoch nicht nehmen und liefert sich mit den zum Zug sprintenden Studenten ein kleines Wettrennen. Schwer kann er dieses nur gewinnen. Zu groß der Ergeiz der Studenten den gerade einfahrenden Zug zu erwischen und es sich dann mit hunderten von anderen Gästen in der dritten Klasse gemütlich zu machen, während die erste Klasse mit vereinzelten weißen Passagieren vor Leere nur so gähnt.

Der Läufer biegt links ein, in eine wunderschöne Allee aus Laubbäumen und weichen sandigen Untergrund. Mit dem Gegröle aus der dritten Klasse im Ohr und einem Lächeln auf den Lippen führt ihn der Weg immer weiter Richtung Stadion. Dieses bietet alle Annehmlichkeiten welche sich ein Sportler nur wünschen kann, ist aber jedoch noch nicht die Endstation des Laufes. Der Kraftraum in dem es penetrant nach Männerschweiß riecht und die Jungs vom Rugby-Team ihre Muskeln stählen um sie an diversen Abenden in der Bar zu präsentieren, soll nicht Ziel des Ganzen sein, sondern die Laufrunde führt herum um das Stadion auf immer weicher werdenden Sandboden bis hin zu einem dünenartigen Gelände. Die Bäume an den Fußball- und Rugbyfeldern scheinen in der untergehenden Sonne in ihren herbstlichen Farben. Vereinzelt zweckentfremden Herren in deutlich höheren Semestern die Sportanlagen und feilen an ihren Abschlagtechniken beim Golfen. Schnell schallen auch noch ein paar auffordernde Rufe der Fußballspieler herüber jetzt noch nicht aufzugeben, doch im Angesicht der Schönheit des Momentes prallen diese lediglich ab.

Zu Schnell vergeht dieser Moment und der Läufer kehrt ein auf die graue Schotterstrasse welche ihn zurückführt in den Bereich der Residenzen, die die Namen von verstorbenen Anti-Apartheid Kämpfern tragen. Vorbei an Cecil Esau und Chris Hani – doch auch hier ist wieder Vorsicht geboten, denn es gilt nun für den Läufer: Keine Blamage in dieser Passage. Zu groß ist die Wahrscheinlichkeit das die Freunde seines Bekannten aus Namibia ihn sehen könnten. Nur äußerst ungern möchte er die schon einmal geäußerten Lobeshymnen beim nächsten Mittagessen verspielen, dass er vor ein paar Tagen beim laufen gesehen wurde und unglaublich gut und fit ausgesehen hat.

Der Schritt wird noch einmal länger. Vorbei an der Gender Equity Unit und weiteren Grünanlagen steuert der Läufer auf das Ende der Runde zu. Mit einem letzten Blick auf die Uhr – die ihm die neue Bestzeit bestätigt sowie einen Pulswert jenseits von Gut und Böse – geht es zurück zum Swimming Pool, vorbei an den Studenten mit ihren Abendessen in umweltschädlichen Styroporverpackungen aus der Mensa und den ersten Nachschwärmern auf ihrem Weg in die campuseigene Bar ‚The Barn’.

Der Name dieses Läufers? Er ist leider unbekannt. Doch von Zeit zu Zeit trifft man ihn auf dem Campus an und kann ihm zu schauen wie er beim laufen vorsichtig beobachtet.















Thursday, April 05, 2007

Bilder

Mein Auto!

Beim Sunset Concert im Botanical Garden "Kirstenbosch"


Mit den Bergen im Hintergrund. Traumhaft schoene Gaerten ueberings....

Mit Annegret (deutsche Austauschstudent) auf dem Weg Richtung Muizenberg am Indischen Ozean
Die Surfer von Muizenberg. Das Wasser ist sau kalt, aber immer noch besser als am Antlatik


Ein wenig weiter die Kueste entlang tollen sich auch diese kleine Freunde hier am Strand.

Erfreulicheres aus Afrika

Nach dem ja mein letzter Eintrag in diesem Blog zugegebenermaßen etwas melancholisch war, so kann ich Euch beruhigen und auch schreiben das ich mich mittlerweile ganz gut eingelebt habe.

So langsam kommt hier in mein Leben als Austauschstudent Routine rein. Manch einer von Euch hat mich zu Beginn gefragt, ob ich denn die Uni schon von innen geschweige denn überhaupt gesehen hätte. Ich habe das Gefühl das Bild was über mich vorherrscht, dass bin ich auf einem Surfboard von morgens bis abends den Haien ausweichend und immer auf der Suche nach der perfekten Welle. Ich sag mal: Stimmt auch fast!

Ich hatte mir vorgenommen neben dem surfen hier unten auch ein wenig zu studieren und einige Kurse zu belegen die zu Hause an der HU nicht angeboten werden. Leider ging der Plan jedoch nicht ganz auf, denn der Aufbau und die Struktur des Studiums bzw. des ganzen Bildungswesens ist nicht mit unserem zu vergleichen. Beginnen tut dies in der Oberstufe wo die Schüler die Möglichkeit haben ab der 10. Klasse Mathematik und andere Naturwissenschaften abzuwählen. Daraus resultiert eine absolut deutliche Wissenslücke wenn es dann im Studium an quantitative Probleme oder überhaupt um ein einfaches mathematisches Grundverständnis geht. Interessant fand ich es dann als ich mich mit meinem Mitbewohner aus Zimbabwe unterhalten habe und er sowie weitere Personen mir bestätigten, dass das Bildungswesen in „Zim“ wesentlich besser ist als das in Südafrika. Hätte ich ehrlich gesagt nicht gedacht...

Auch wenn das Land seit langem unter der Herrschaft des Herrn Mugabe („Bob“) leidet, die Menschen einer Inflationsrate von derzeit 1.700% gegenüber stehen, so scheint doch zumindest das Bildungswesen noch ein kleiner positiver Lichtblick am dunklen Horizont zu sein.

Zurück jedoch zum VWL Studium an der UWC. Der Schwerpunkt liegt hier in der Erlangung von rudimentären Grundkenntnissen im dreijährigen Bachelorstudiengang und dann im Anschluss, im Honors und Master Level, auf die Herausbildung des Schreibens von qualitativen wissenschaftlichen Arbeiten. Dabei liegt häufig der Fokus auf politische Ökonomie und weniger auf quantitative Forschung. Ein Vergleich zwischen der HU und der UWC ist jedoch schwierig da beide Universitäten in andere Bildungssysteme integriert sind und sich an das entsprechende Niveau anpassen müssen. Des Weiteren kann ich auch nur für den Lehrstuhl VWL sprechen und nicht für die Universität im Ganzen.

Für mich resultieren daraus aber auch positive Erfahrungen, denn da ich Kurse im Master-Level besuche muss ich hier soviel schreiben wie noch nie zuvor in meinem Leben. Ein Studentenalltag wie bei uns wo man das ganze Semester vertrödeln kann und dann in den letzten Wochen versucht alles aufzuholen ist nicht möglich. Ein Assignment jagt das Nächste und ich komme aus dem lesen von papern und schreiben von Essay’s gar nicht mehr raus. Eigentlich habe ich nur zwei Kurse - Development Economics an meiner Fakultät und „Conflict Studies“ an der School of Goverment - was an sich nicht viel ist, jedoch für mich der dem Schreiben in englischer Sprache nicht so mächtig ist eine ganze Menge.

Aber ich will mich auch nicht beschweren, denn abseits der Arbeit gibt es noch genug Zeit um stundenlang auf dem Campus mit den internationalen Studenten Cafe zu trinken oder am Wochenende wegzufahren. Leider bin ich noch nicht weiter als in die nähere Umgebung von Kapstadt gekommen, doch ich hoffe wenn das Semester hier Ende Mai zu Ende geht und die Exmans geschrieben sind, dass ich dann endlich ein wenig reisen kann.


Zum Schluss aber noch eine kleiner Hinweis bzw. eine statistische Zahl die mir zu denken gegeben hat und auch das Leben hier auf dem Campus widerspiegelt. Eine Organisation hat vor ein paar Tagen auf dem Campus Blutspenden gesammelt und mein Freund aus Zimbabwe hat sich mit den Mitarbeitern ein wenig unterhalten. Er wollte wissen wie ergiebig denn solch eine Spendenaktion ist und was mit dem Blut im Anschluss passiert. Daraufhin hat dann der nette Mensch von der Organisation durchblicken lassen wie viel Prozent der Blutkonserven der gesamten Spendenaktion auf dem Campus überhaupt verwendet werden können. Das Ergebnis fand ich schockierend: 65% der Spenden können aufgrund der Infizierung mit HIV/Aids oder diverser Geschlechtskrankheiten NICHT verwendet werden! Es bleiben nur 35% übrig...

Ich weiß leider nicht wie sich die Prozentzahl aufschlüsselt, gehe jedoch einmal davon aus das der größere Anteil auf Geschlechtskrankheiten zurück fällt. Was auch nicht unbegründet wäre, wenn man sich mal das Sexualleben der Studenten hier anguckt. Nicht das ich spannern würde, doch andere Studenten die auf dem Campus wohnen berichten von einem ständigen Aus und Ein in diversen Zimmern und die Zahl von über 5 Freundinnen zur gleichen Zeit ist bei den männlichen Studenten alles andere als ungewöhnlich, eher sogar noch zu gering.

P.S.: Die Rekordzahl die ich bis jetzt gehört habe gebührt einem Kommilitonen von mir und liegt bei unglaublichen 36 Frauen zur selben Zeit. Da stellt sich doch die Frage wie er das wohl gemacht hat? Ich verspreche Euch ich finde es noch raus bevor ich wegfliege....

In dem Sinne fröhliche Osterfeiertage,

Euer Sebastian